Unkontrollierte Diäten bei
drei Viertel aller Kinder mit Neurodermitis
Die
Neurodermitis ist eine Hauterkrankung, die zumeist im Säuglings-
oder Kindesalter erstmals auftritt und mit starkem Juckreiz
einhergeht. Oft sieht man den Kindern ihr Leiden bereits
von weitem an. Die Hilflosigkeit sowohl der Kinder als auch
der Eltern ist groß.
Viele
Eltern suchen fieberhaft nach Möglichkeiten, das Leiden
ihrer Kinder zu lindern. Für viele liegt die Lösung in Diäten,
die versprechen, zu einer Verbesserung der Erkrankung zu
führen. Aber nicht alle diätetischen Maßnahmen sind auch
wirklich sinnvoll. Einige können den Kindern sogar gefährlich
werden. Nach einer Studie von Johnston et al. entzogen 75
Prozent der Eltern ihren an Neurodermitis erkrankten Kindern
unüberprüft Nahrungsmittel.1
„Unsinnige
Diäten müssen unbedingt vermieden werden, um die Kinder
in ihrer Entwicklung nicht zu gefährden", sagt Ernst
Rietschel von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie
und Umweltmedizin (GPA).
Neurodermitis
und Nahrungsmittelallergie
Die
Neurodermitis, auch „atopische Dermatitis“ oder „atopisches
Ekzem“ genannt, ist eine chronisch verlaufende, nicht ansteckende
Hauterkrankung. Das Erscheinungsbild kann – abhängig vom
Alter – sehr unterschiedlich sein und geht zumeist mit starkem
Juckreiz einher. Manchmal sind nur einige Hautpartien, manchmal
aber auch große Flächen der Haut betroffen. Je
nach Lokalisation und Ausdehnung kann dadurch die Lebensqualität
deutlich und langfristig gemindert werden.
Die
Wahrscheinlichkeit, mit der Kinder bis zum Schulanfang eine
Neurodermitis entwickeln, liegt derzeit zwischen acht bis
16 Prozent. Sie ist in den letzten Jahrzehnten deutlich
gestiegen. „Die Ursachen hierfür sind bisher noch ungeklärt“,
so Wolfgang Rebien, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher
Allergologen (ÄDA).
Bei
30 bis 50 Prozent der Säuglinge und Kleinkinder, die anhaltend
an einer Neurodermitis erkrankt sind, kann gleichzeitig
mit einer Allergie gegen Nahrungsmittel gerechnet werden.
Dabei sind aber meist nur ein oder wenige Nahrungsmittel
verursachend.2,3 Kuhmilch ist der häufigste Auslöser
bei kleinen Kindern, gefolgt von Allergien gegen Hühnerei,
Getreideprodukte, Soja und Nüsse.
In
der frühen Kindheit tritt eine Nahrungsmittelallergie häufiger
auf als eine Inhalationsallergie, also als eine Allergie
auf Pollen, Milben oder Tierhaare.
Radikaldiäten
vermeiden
Der
Rat, auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten, sollte
gut belegt sein. Spezielle Blutuntersuchungen helfen, die
Diagnose zu sichern. „Eine qualifizierte Allergie-Diagnostik
mit Bestimmung der spezifischen IgE-Antikörper ist sehr
wichtig. IgG-Antikörper erlauben nach heutigem Kenntnisstand
keine Aussage über bei Neurodermitis relevante Nahrungsmittel-Allergien
oder -Unverträglichkeiten“, so Rietschel.
Falls
die Krankheitsvorgeschichte und der Bluttest kein eindeutiges
Ergebnis erbringen, sollte ein Auslass- und Provokationsversuch
durchgeführt werden. Dies ist eine sichere und praktikable
Methode herauszufinden, ob ein Nahrungsmittel tatsächlich
die Neurodermitis verschlechtert. Dabei wird das entsprechende
Nahrungsmittel mindestens eine Woche weggelassen und dann
wieder gegeben.4,6 Nur wenn sich der Zustand
der Haut daraufhin erneut verschlechtert, ist ein Weglassen
dieses Nahrungsmittels sinnvoll. Diese Diätempfehlung gilt
zunächst für ein bis zwei Jahre.5 Sie sollte
stets eng von einem allergologisch ausgebildeten Arzt begleitet
werden. Die Notwendigkeit diätetischer Maßnahmen ist meist
zeitlich begrenzt, weil sich oft eine Toleranz gegen das
betreffende Nahrungsmittel entwickeln kann.5
Diäten, bei denen eine Vielzahl von Nahrungsmitteln vorenthalten
werden, schaden dem Kind und stellen ein nicht zu unterschätzendes
gesundheitliches Risiko dar.
Nahrungsmittelallergien
als Auslösefaktor für die Neurodermitis nehmen übrigens
mit zunehmendem Alter ab.6,7
1.
Johnston
GA , Bilbao
RM, Graham-Brown
RA. The use of dietary manipulation by parents of children with atopic dermatitis.
Br J Dermatol. 2004 Jun;150(6):1186-9.
2.
Werfel T, Breuer
K. Role of food allergy in atopic dermatitis. Curr Opin Allergy Clin Immunol.
2004 Oct;4(5):379-85.
3.
Eigenmann PA, Sicherer
SH, Borkowski
TA, Cohen
BA, Sampson
HA. Prevalence of IgE-mediated food allergy among children with atopic dermatitis.
Pediatrics. 1998 Mar;101(3):E8.
4.
AWMF Richtlinie Standardisierung von oralen Provokationstests
bei IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien. Allergologie
2000; 23: 564-591
5.
Werfel T et al. Vorgehen bei vermuteter Nahrungsmittelallergie
bei atopischer Dermatitis. Allergologie 2003; 26: 33-41;
Allergo J 2002; 11:386-393
6.
Rietschel et al. Diagnostik IgE-vermittelter Allergien
bei Kindern und Jugendlichen. Positionspapier der Gesellschaft
für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin, 02/03
7.
Nickel R et al. Messages from the German
Multicentre Allergy Study. Pediatr Allergy Immunol 2002;13 (Suppl 15): 7-10