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Hyposensibilisierung
auf einen Blick
Die
spezifische Immuntherapie (SIT), auch als Hyposensibilisierung
oder Allergie-Impfung bekannt, ist die derzeit einzige ursächliche
Behandlungsmethode gegen eine Allergie auf Insektenstiche
und Atemwegs–allergien aufgrund von Pollen, Milben, Tierhaare
oder Schimmelpilzen.1 Seit Entdeckung dieser Therapie
vor etwa 100 Jahren sind insbesondere in den letzten Jahren
eine Vielzahl von Variationen dieser Behandlungsform entwickelt
worden. Unterschiede gibt es in der Darreichungsform, Häufigkeit
der Gabe und Dauer der Behandlung. Die Wirkung der SIT ist
inzwischen gut dokumentiert. „Eine spezifische Immuntherapie
führt bei Menschen mit Heuschnupfen zu einer deutlichen und
lang anhaltenden Linderung der Beschwerden und kann vor Asthma
schützen“, erläutert Professor Gerhard Schultze-Werninghaus,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und
klinische Immunologie (DGAKI). Dennoch wird die SIT
immer noch viel zu selten eingesetzt.2 Dabei handelt
es sich hierbei um die einzige kausale, also ursächliche Therapie
bei Allergien. Die Wirksamkeit ist gut belegt. Die Erfolgsquoten
liegen zwischen 80 und 90 Prozent, bei Insektengift-Allergien
bei nahezu 100 Prozent. Voraussetzungen für die erfolgreiche
Behandlung sind ein ausführliches Arztgespräch, eine gründliche
Diagnostik und eine individuelle Therapie, möglichst durch
einen allergologisch erfahrenen Arzt.
95
Jahre Forschung – Durchbruch in den letzten Jahren
Die
allergen-spezifische Immuntherapie (SIT) wurde erstmals 1911
von Noon in der Fachzeitschrift „The Lancet“ vorgestellt.3
Aber noch in den späten 70er Jahren beklagten die Wissenschaftler
Jäger und Wenz, dass viele Probleme der Hyposensibilisierung
immer noch nicht gelöst seien: „Die Standardisierung von Allergenen,
die Optimierung der Dosis und die Auswahl eines geeigneten
Applikationsintervalls sind Fragen, die in nächster Zukunft
gelöst werden sollten.“4
Zum
derzeitigen Wissen über die Wirkungsweise der SIT erläutert
Professor Ludger Klimek, Leiter des Allergiezentrums Wiesbaden
und Vorstandsmitglied im Ärzteverband Deutscher Allergologen
(ÄDA): „Nach heutiger Vorstellung führt eine spezifische Immuntherapie
zu einer Toleranzinduktion und Umorientierung der Produktion
von Botenstoffen, den so genannten Zytokinen. Das bei der
allergischen Reaktion dominierende Zytokinmuster bestimmter
weißer Blutkörperchen wird zugunsten anderer zurückgedrängt.
Gleichzeitig werden regulatorische T-Zellen aktiviert. Das
entspricht eher einer physiologischen Reaktion des Immunsystems.“
Spezifische
Immuntherapie macht das Immunsystem tolerant
Die
„klassische“ SIT
ist die derzeitig noch am häufigsten verwendete Form der Immuntherapie.
Sie wirkt effektiv und zuverlässig gegen allergischen Schnupfen
und allergisches Asthma aufgrund von Pollen, Hausstaubmilben
und Tierhaaren5, aber auch gegen Insektengift-Allergien.
Dabei wird ein Allergen-Präparat zunächst wöchentlich in aufsteigender
Dosierung unter die Haut gespritzt (Aufsättigungsdosis). Anschließend
wird über einen Zeitraum von drei Jahren etwa alle vier bis
sechs Wochen eine Erhaltungsdosis injiziert. Die Therapie
konfrontiert das Immunsystem des Betroffenen immer wieder
mit dem Allergen (Allergieauslöser) und macht es so dagegen
unempfindlich (Toleranzentwicklung).
Bei
der Cluster-Immuntherapie
wird die zeitaufwändige Dosissteigerungsphase erheblich verkürzt.
Die Betroffenen erhalten mehrmals täglich Allergen-Depot-Präparate
und erreichen so die Erhaltungsdosis innerhalb weniger Tage.
„Mit der Cluster-SIT treten nicht mehr Nebenwirkungen
auf als bei der herkömmlichen Dosissteigerung. Für die Patienten
bedeutet diese Therapie einen erheblichen Zeitgewinn“, so
Professor Klimek.
Eine
weitere Alternative ist die so genannte Kurzzeit-Immuntherapie.
Diese Methode der Schnell-Hyposensibilisierung wird vor der
Pollen-Saison mit insgesamt vier oder sieben Injektionen im
Abstand von etwa einer Woche durchgeführt.
Eine
andere Variante stellt die sublinguale
Immuntherapie (SLIT) dar. Hier werden die Allergene täglich
in Tropfenform unter die Zunge geträufelt und dort einige
Zeit behalten.
Neue
Anwendungsformen in der Entwicklung
Bis
zum Ende des Jahres soll auch eine Tabletten-Immuntherapie
in Form einer schnell löslichen Allergentablette zur Verfügung
stehen. Die Tablette löst sich sekundenschnell auf, so dass
ein vorschnelles Verschlucken vermieden wird. Die SIT in Form
von Tabletten erfordert nicht den regelmäßigen Gang zum Arzt.
Der Patient wendet die Mittel einfach zuhause an. Es wird
damit gerechnet, dass einfach anzuwendende Neuentwicklungen
wie die Tabletten-Immuntherapie eine breitere Anwendung der
kausalen Allergiebehandlung ermöglichen. Derzeit erhalten
noch viel zu wenige Menschen mit Heuschnupfen eine SIT.
Therapieversagen
ist nicht gleich Unwirksamkeit
Wenn
die spezifische Immuntherapie anscheinend nicht wirkt, kann
das einen einfachen Grund haben: Nicht nur Blütenpollen, sondern
auch Sporen von Schimmelpilzen können allergieauslösend sein.
So hat Uta Rabe, Allergologin und Leitende
Ärztin im Johanniter-Krankenhaus Treuenbrietzen, über
1.000 Menschen mit Heuschnupfen und Asthma auf eine Allergie
gegen den Schimmelpilz Alternaria untersucht. Die Schimmelpilz-Allergie
konnte bei etwa fünf Prozent der Untersuchten nachgewiesen
werden. „Treten nach einer Hyposensibilisierung immer noch
starke Beschwerden auf, sollte an eine Schimmelpilz-Allergie
gedacht werden. Gerade im Sommer, also während der Pollensaison,
fliegen auch die Schimmelpilz-Sporen. Diese werden bei der
Diagnostik allergischer Erkrankungen, aber auch bei den Pollenflugvorhersagen
kaum berücksichtigt“, so Rabe.
Auch bei Allergien auf den Schimmelpilz Alternaria kann eine
SIT mit standardisierten Allergenen durchgeführt werden.
Allergene,
Allergoide und andere
Für
die spezifische Immuntherapie werden gereinigte Allergene
aus natürlichem Material verwendet. Heute gelingt es mit Hilfe
aufwendiger immunologischer Verfahren, eine Standardisierung
der Präparate von hoher Qualität und Wirksamkeit zu gewährleisten.
Standardisierte Allergene gibt es seit etwa 25 Jahren.
Es
werden aber auch modifizierte Allergene für die SIT verwendet:
so genannte Allergoide. Dabei handelt es sich um Allergene,
bei denen die Eiweißstruktur chemisch verändert wurde.
Rekombinante
Allergene sind biotechnologisch hergestellte, exakt definierbare
Allergene, die bisher nur in der Diagnostik routinemäßig
eingesetzt werden.
1.
Kleine Tebbe J et al.: Die spezifische Immuntherapie
(Hyposensibilisierung) bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen.
Leitlinie der DGAKI, des ÄDA und der GPA. Allergo Journal
2006; 15: 56-74
2.
Bousquet J, Lockey RF, Malling, HJ. Allergen Immunotherapy:
therapeutic vaccines for allergic diseases. WHO position paper.
Allergy 1998;53:1-42
3.
Noon L. Prophylactic inoculation against hayfever,
The Lancet 1911; 1:1572.
4.
Jäger L, Wenz W. Situation and trends of hyposensitisation
treatment. Allerg Immunol (Leipz.) 1979;25(1):10-24
5.
Bousquet J, Van
Cauwenberge P,
Khaltaev
N;
Aria
Workshop Group;
World
Health Organization.
Allergic rhinitis and its impact on asthma. J Allergy Clin
Immunol. 2001
Nov;108(5 Suppl):S147-334
.
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