Nahrungsmittelallergien
stellen auch in Deutschland eine nur schwer zu entdeckende
und noch schwerer zu behandelnde Gefahr da. Betroffen sind
häufig Kinder. Todesfälle kommen vor.
Erstmalig konnten jetzt in Kalifornien unter einer Lebensmittelallergie
leidende Allergiker mit Hilfe einer neu entwickelten Impfung
erfolgreich behandelt werden – es handelt sich bei den Patienten
um Hunde, deren Immunsystem in Form einer Allergie überschießend
auf Erdnüsse, Kuhmilch oder Weizen reagierte – Allergene
also, die auch beim Menschen häufig Allergien auslösen.
von
Jochen Kubitschek
Während noch vor einigen Jahren Nahrungsmittelallergien
vergleichsweise selten waren, nehmen sie nun auch in Deutschland
von Jahr zu Jahr mehr zu. In den USA und in England gehen
Allergieexperten davon aus, daß etwa 2% der Erwachsenen
und zwischen 6 und 8% der Kinder unter einer Nahrungsmittelallergie
leiden. Allein 3 Millionen Amerikaner haben eine Nußallergie.
Nahrungsmittelallergien sind schwer zu identifizieren und
noch schwerer zu behandeln. Sie können überraschend „aus
blauem Himmel“ auftreten und in seltenen Fällen auch tödlich
verlaufen – in den USA rechnet man jährlich mit 100 bis
150 Todesfällen – überwiegend reagieren Kinder auf Nahrungsmittel
allergisch.
Doch nicht nur Menschen sind betroffen, sondern auch Haustiere
wie beispielsweise Hunde, die zunehmend mit industriell
bearbeiteten Nahrungsmitteln gefüttert werden.
Daher liegt die Hoffnung nahe, daß Behandlungsmethoden die
für Hunde entwickelt werden später erfolgreich auch beim
Menschen eingesetzt werden können.
„Für Deutschland haben wir in einer aktuellen Umfrage
unter 10.000 Kinderärzten nachgewiesen, daß bei Kindern
Nahrungsmittelallergien die häufigste Ursache für einen
allergischen Schock sind. Besonders oft handelt es sich
dabei um Nuß- und Erdnußallergien“, erläutert Professor
Bodo Niggemann von der Berliner Charité anläßlich des
diesjährigen Allergie-Kongresses in Aachen.
Auf dem jüngst vom Ärzteverband Deutscher Allergologen
(ÄDA), der deutschen Gesellschaft für Allergologie und
klinische Immunologie (DGAI) und der Gesellschaft
für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA)
gemeinsam in Aachen veranstalteten Allergiekongress 2004
wies Niggemann darauf hin, daß sich ein allergischer
Schock meistens zu Hause, auf der Straße oder in Kindergarten
und Schule ereignet. Bis der Notarzt vor Ort ist, kann einige
Zeit vergehen. Das ist gefährlich, da ein allergischer Schock
ein lebensbedrohlicher Notfall ist: Die Bronchien verkrampfen
und verengen sich, es kommt zu dramatischer Luftnot, der
Kreislauf bricht zusammen. Wird nicht rechtzeitig eingegriffen,
können die Betroffenen sterben. „Kinder und Eltern,
aber auch Kindergärtnerinnen und Lehrer sollten deshalb
unbedingt die Symptome kennen, mit denen sich ein allergischer
Schock ankündigt“, sagt Dr. Frank Friedrichs, Kinder-
und Jugendarzt, Allergologe und einer der Präsidenten des
Allergie-Kongresses Aachen 2004.
Zahllose unterschiedliche Nahrungsbestandteile können eine
Allergie auslösen, darunter auch solche, von deren Existenz
weder der durchschnittliche Allergiker, noch sein behandelnder
Arzt noch nie gehört hat. Daher ist die exakte Diagnose
einer Lebensmittelallergie sehr aufwendig und gleicht gelegentlich
einer kriminaltechnischen Untersuchung. Die beobachteten
Krankheitszeichen reichen von geröteter Haut, Heuschnupfen,
Juckreiz und Quaddelbildung bis hin zu lebensbedrohlichen
Symptomen wie Asthma und Kreislaufkollaps. Die meisten Symptome
treten auch bei anderen Allergien auf. Gelegentlich legen
wiederkehrende Magen-Darm-Beschwerden wie Erbrechen und
Durchfall den Verdacht nahe, daß eine Lebensmittelallergie
vorliegen könnte.
Obgleich Allergien gegen Gras- und Baumpollen, Tierhaare,
Insektengifte und auch Hausstaubmilben ähnlich häufig wie
Lebensmittelallergien zu beobachten sind, besteht
doch ein großer, praktisch wichtiger Unterschied:
nur die Lebensmittelallergien lassen sich derzeit noch nicht
mit Hilfe der spezifischen Immuntherapie (SIT) behandeln,
eine seit Jahrzehnten bewährte Therapie, die früher auch
als Hyposensibilisierung bekannt geworden ist. Die langjährige
Therapie, die bisher ausschließlich in Form subkutaner Injektionen
durchgeführt wurde, konnte nun durch die sublinguale spezifische
Immuntherapie (SLIT) ergänzt werden, bei der die zur Behandlung
zugeführten Allergenlösungen über die Mundschleimhaut in
den Körper aufgenommen werden. Aber selbst diese besonders
für kleine Kinder gut geeignete Therapievariante ist im
Fall der Lebensmittelallergien derzeit noch nicht erfolgversprechend
anwendbar.
Bisher bleibt also bei Lebensmittelallergien nur eines zu
tun: sind die Verursacher der Allergie erst einmal identifiziert
– was im ärztlichen Alltag schwierig genug ist – müssen
die in Verdacht stehenden allergieauslösenden Nahrungsbestandteile
konsequent gemieden werden. Doch hier gehen die Schwierigkeiten
erst richtig los. Die Kennzeichnungspflicht der Lebensmittel
wird bisher nicht so konsequent angewandt, daß Allergiker
zuverlässig wissen können, ob ein Nahrungsmittel für sie
harmlos oder lebensbedrohlich ist.
Erstmalig können nun die bisher medizinisch eher vernachlässigten
Nahrungsmittelallergiker aufgrund einer innovativen wissenschaftlichen
Studie auf eine grundsätzliche Änderung ihrer ansonsten
düsteren Zukunftsaussichten hoffen.
Mitarbeiter von vier bedeutenden kalifornischen Universitäten
hatten sich für eine Studie zusammengeschlossen, bei der
Allergieimpfungen gegen Nahrungsmittelallergien erstmalig
in der Medizingeschichte an Wirbeltieren erprobt wurden,
die größer als Mäuse sind.
In einer Untersuchung, die in der online Ausgabe des Fachblatts
Allergy publiziert wurde, berichteten die Forscher
um den Kinderarzt Dr. Dale Umetsu, Universität Stanford,
über mit vergleichsweise geringem Aufwand erzielte, geradezu
sensationelle Therapieerfolge, die in Zukunft vielleicht
auch den Weg für eine entsprechende Therapie bei jenen Menschen
ebnen, die auf bestimmte Lebensmittel allergisch reagieren.

Zwei Gruppen von Hunden wurden mit der neu entwickelten
Impfung behandelt, bei der normalerweise im Darm vorkommende
Bakterien (Listerien) in deaktivierter Form als Transportmittel
für die den Impfstoff genutzt werden. Die behandelten
Hunde litten vor der Impfung entweder an einer Erdnußallergie,
oder an einer Allergie gegen Kuhmilch und Weizen. Allergien,
die auch bei Menschen sehr häufig sind.
Kamen die allergiekranken Hunde in der Vergangenheit mit
den genannten Allergenen in Kontakt, so bekamen sie schnell
starkes Erbrechen sowie heftige Durchfälle. Leitsymptome
also, deren Veränderung im Verlauf der kalifornischen Studie
leicht zu beurteilen waren.
Bereits zehn Wochen nach der Allergieimpfung konnten die
US-Forscher einen erstaunlich eindeutigen Nutzeffekt der
Behandlung feststellen. Ein Hund konnte beispielsweise vor
der Impfung nur eine halbe Erdnuß essen, ohne daß
er einen heftigen Durchfall bekam – jetzt konnte diese Zahl
problemlos auf 37 gesteigert werden. Drei von vier
unter Erdnußallergie leidende Hunde konnten nach der Impfung
eine Handvoll - im Durchschnitt 57 - Erdnüsse vertragen,
ohne daß sich ein Erbrechen oder ein Durchfall einstellte.
Auch bei den unter einer Kuhmilchallergie leidenden Hunden
kam es nach der Allergieimpfung zu einer deutlichen Verminderung
der allergisch bedingten Durchfälle um 60%.
„Die Studie“ – so Umetsu – „basiert auf der unter
Allergieexperten weit verbreiteten Hypothese, daß die Zunahme
der Allergien möglicherweise auf den in der Kindheit zu
beobachtenden Rückgang banaler bakterieller Infektionen
zurück zu führen ist.“ Dem kindlichen Körper
fehlen so die ständigen Reize, die von den Infektionen ausgehen
und für ein Training des Immunsystems wichtig sind.
Diese fehlenden bakteriellen Entzündungsreize könnten daher
möglicherweise – so hofften die Forscher vor Beginn der
Studie – durch die künstliche Infektion mit den abgetöteten
Darmbakterien aus der Familie der Listerien „nachgestellt“
werden. Diese Vermutung erwies sich nach Auswertung der
Studienergebnisse – zumindest was Hunden angeht – als goldrichtig.
Doch bis zur Zulassung entsprechender, für den Einsatz
beim Menschen konzipierter, Impfstoffe können aufgrund
komplizierter und teurer Zulassungsverfahren noch Jahre
vergehen. Muriel Simmons von der nicht profitorientierten
Organisation Allergy UK warnt gegenüber der BBC
vor übertriebenem Optimismus: “Die Studie ist zwar eine
sehr gute Nachricht für Hunde, die sehr oft unter Allergien
leiden. Allergiekranke Menschen sollten sich aber
zum jetzigen Zeitpunkt noch keine großen Hoffnungen machen.
Tierversuche lassen sich bekanntlich nicht automatisch auf
den Menschen übertragen.“